Wir gewinnen die Julius-Faucher Medaille – und mischen die libertäre Landschaft auf

Artikel von Bettina Lohr

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Ein Bericht von der ef-Konferenz 2026

Als ich im vergangenen Jahr einen Artikel zum Thema „Schuld und Unschuld der Boomer“ bei der Zeitschrift eigentümlich frei einreichte, verfolgte ich damit zwei ganz handfeste Ziele: Zum einen wollte ich uns innerhalb der libertären Szene besser vernetzen, zum anderen hofften ich und meine Parteikollegen über das Preisgeld einen Teil unserer Projekte finanzieren zu können. Entsprechend intensiv feilte ich an unserer Position und schärfte Argumente, bis ich den mehrfach überarbeiteten Text schließlich Ende des Jahres einreichte.

 

Umso überraschender kam dann die Einladung zu der neunten eigentümlich frei-Konferenz vom 16.-18. Januar, auf der die Preisverleihung stattfinden sollte. Wobei zu diesem Zeitpunkt der Gewinner noch nicht feststand – ich war lediglich als eine von vier Nominierten eingeladen. Entsprechend nüchtern nahm ich mir vor, die Gelegenheit vor allem pragmatisch zu nutzen: unsere Projekte sichtbar zu machen, Kontakte zu knüpfen und mögliche Unterstützer zu gewinnen.

 

In diesen zwei Tagen herrschte Aufbruchsstimmung und als ich am Sonntag wieder zu Hause ankam, blieb bei mir weniger das Gefühl zurück, etwas abgeschlossen zu haben, als vielmehr der Eindruck einer offenen Rechnung. So viele kluge Analysen, so viele treffende Diagnosen – und zugleich diese leise, immer wieder aufscheinende Frage: Was folgt daraus eigentlich?

Freitag: Wahrheit, Macht, Mittler – und die Frage nach der eigenen Infrastruktur

Der Freitag fing bereits kantig an und Markus Krall entführte uns direkt in die Wirtschafts- und Machtpolitik: Wahrheit vs. Lüge, Individuum vs. Kollektiv, Freiwilligkeit vs. Zwang. Seine Leitthese war konsequent: Die Lüge braucht den Staat als Stütze, die Wahrheit eigentlich nicht – aber sie braucht Menschen, die Rückgrat zeigen, wenn es teuer wird. In seinem Raster tauchte vieles wieder auf, was libertäre Köpfe seit Jahren beschäftigt: Der unheilvolle Dreiklang zwischen Lüge, Macht und Staat, der sich zuletzt als Krieg entlädt, die Wahrheit verbietet und Gleichschaltung auf allen Ebenen durchsetzt.

 

Martin Rieck schob dann etwas Wichtiges nach, das in politischen Lagern gern fehlt: Den pragmatischen Sinn für die Machtfrage. Es sei nicht nur normal, sondern sogar nützlich, von außen angegriffen zu werden – solange man daraus lernt und nicht reflexhaft in Lagerinstinkte verfällt. Seine Kritik am „sozialistischen Denken“ fiel hart aus, war teils kulturphilosophisch (Platon, Gnosis) und erkannte die Ursachen für die Verklärung staatlicher Strukturen im Mystizismus. Was er dahinter aber betonte war folgendes: Libertäre Ideen wirken nicht automatisch durch bloßes Recht-Haben. Es braucht Alternativen, die greifbar sind und sich bewähren können – Denkfabriken, Zahlungs- und Medienstrukturen, Organisationen. Und dass diese von konkreten Personen getragen werden müssen und nicht von anonymen Kollektiven, verstand sich für ihn von selbst. Diese Leerstelle benannte er offen: Die libertäre Gegenwelt sei zu oft zu dünn, um in Krisenzeiten eine echte Alternative darzustellen.

 

Oliver Gorus knüpfte mit seiner eigenen Rede daran an. Seine Kernthese: Es brauche keine libertäre Organisation in dem Sinne, denn die Menschen organisierten sich von selbst und sie hätten die Technologie auf ihrer Seite. Disintermediation, also das Ausschalten von Zwischenhändlern, könne den Diskurs wieder authentischer machen, weil das Prinzip der Stillen Post nicht mehr greife, wenn es nur noch Sender und Empfänger gebe.

Aber er bremste zugleich den naiven Social-Media-Optimismus. Nur weil Menschen heute „selbst senden“ können, heißt das nicht, dass sie automatisch souverän werden. Allerdings wird der Weg zur Wahrheit leichter und kürzer, den sozialen Medien sei es gedankt. Eine kraftvolle These blieb bei mir hängen: Menschen folgen Menschen, nicht Vereinen. Das ist eine Warnung und ein Werkzeug zugleich: Wer Öffentlichkeit will, muss glaubwürdig sein – nicht nur organisiert.

 

Abends war es dann so weit – die Julius-Faucher-Medaille für den besten Beitrag zum Thema „Schuld und Unschuld der Boomer“ wurde vergeben. Die Moderatoren erklärten zunächst, dass die eingereichten Beiträge in diesem Jahr durchweg ein sehr hohes Niveau gehabt hätten, weshalb die Entscheidung alles andere als leichtgefallen sei. Man habe sich daher entschieden, die vier besten Beitragsautoren einzuladen. Wir wurden gebeten aufzustehen und den Applaus entgegenzunehmen – ein kurzer, fast feierlicher Moment, den wir gern annahmen.

 

Der Moderator ließ sich einen Augenblick Zeit, sprach von wochenlangen Diskussionen und davon, wie knapp es am Ende gewesen sei, bevor er schließlich verkündete, man habe sich nun doch durchgerungen, einen Beitrag als Gewinner zu küren – und meinen Namen aufrief. Ich grinste, stolperte nach vorne und nahm Medaille und Urkunde entgegen. Auch eine Flasche „Mises-Zeug“ wurde mir in die Hand gedrückt, ausgerechnet gestiftet von meiner eigenen Partei! Und die Moderatoren erinnerten sich erfreulicherweise auch ganz genau daran, wem das Preisgeld zugutekommen sollte: Natürlich unserer Bewegung! Freiheit braucht Öffentlichkeit und umgedreht. Das war schon immer so. Und an Investitionen führt daran kein Weg vorbei.

„ Wer Freiheit will, muss mehr können als recht haben. “

Mein Eindruck nach Usedom war simpel: Es gibt nicht die libertäre Linie. Es gibt viele kluge, teils widersprechende libertäre Diagnosen – technikoptimistisch und technikskeptisch, kulturkritisch und rein ökonomisch, aktivistisch und zurückhaltend. Aber das ist eine Stärke, solange daraus nicht nur Szenen-Energie, sondern Struktur entsteht. Und genau hier konnte ich konkret anknüpfen:

 

Viele erkundigten sich danach, ob wir zur nächsten Wahl antreten, welche Projekte wir verfolgen und wie sich das mit der libertären Idee vereinbaren lasse, wenn man als Partei auftritt. Dabei wurde spürbar: Das Interesse zur Mitarbeit ist da. Gleichzeitig besteht die Sorge, durch politisches Engagement ein System zu legitimieren, das man eigentlich kritisiert.

 

Ich halte diese Sicht auf Parteien für verkürzt. Denn welch anderer Weg bleibt uns denn, wenn wir ernsthaft an ein besseres Morgen glauben? Der Dialog und der Versuch, bestehende Strukturen von innen heraus zu verändern und sie Schritt für Schritt näher an unsere Ideale heranzuführen, erscheinen mir pragmatischer und zukunftsweisender als der Rückzug ins Abseits. Sich abzuwenden hat noch niemandem Gestaltungsmacht verschafft. Und letztlich, so mein Eindruck, waren wir Teilnehmer uns darin auch einig.

 

Nicht umsonst gaben uns die Moderatoren der Konferenz – uns Jungautoren – genau das mit auf den Weg: Diese Ehrung sei ein Zwischenschritt, kein Endsieg. Man wolle uns ermutigen, aber auch in die Verantwortung nehmen, weil es wichtig sei, dass sich junge Menschen für die Sache engagieren.

 

Denn am Ende bleibt die unbequeme Wahrheit, die sich auch durch viele Vorträge zog: Öffentlichkeit ist umkämpft, Institutionen sind träge, und Macht fällt nicht vom Himmel. Wer Freiheit will, muss mehr können als recht haben. Es ist Zeit, die klugen Gedanken politisch zu erden – mit tragfähigen Netzwerken, sichtbaren Stimmen, professioneller Kommunikation und, ja: mit Organisation. Nicht weil Politik alles löst, sondern weil sie sonst alles frisst.

 

Bettina Lohr

Ergänzung zum Artikel: Wenn euch weitere Details zur EF-Konferenz interessieren und ihr nachlesen möchtet, was Robert Grözinger, Thomas Lackmann, Maximilian Pütz und Jasmin Kosubek zu sagen hatten, empfehlen wir euch die März-Ausgabe der Zeitschrift. Diese könnt ihr bereits vorbestellen oder ab März 2026 ganz regulär am Kiosk kaufen. Dort werdet ihr dann auch den Siegerbeitrag zum Jungautorenwettbewerb von Bettina Lohr lesen können.

 

 





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