Meinung

Chemnitz

Stellungnahme des stellv. PDV-Vorsitzenden Thomas Flach

Am Montagabend den 27.08. verharrten einige scheinbar enge Angehörige des getöteten Daniel am mit Kerzen geschmückten Tatort. Vertieft in gemeinsame Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen. Nur einen Steinwurf entfernt nahmen Tausende weitere Menschen Anteil, jedoch auf eine gänzlich andere Art und Weise.

Ihre Emotionen waren weniger von Trauer erfüllt, als von Wut, Unverständnis und Angst.
Die Tat berührte sie, weil der Tote auch der eigene Ehemann, die eigene Ehefrau, die eigene Mutter, der eigene Vater, der Bruder, die Schwester, der Sohn, die Tochter oder einfach nur ein lieber Freund oder Kollege hätte sein können. Das Ereignis macht wütend, weil es das vermeidbare Resultat einer jahrelang fehlgeleiteten Politik zu sein scheint.
Eine Politik, die seit einer gefühlten Ewigkeit die Selbstbestimmung und Freiheit der Menschen schrittweise einschränkt.
Eine Politik, die durch Beschlüsse, Entscheidungen und Äußerungen ihrer Akteure Emotionen der Wut provoziert, jedoch im gleichen Atemzuge das Auftreten eben jener Emotionen verurteilt.
Eine Politik, die lieber die Symptome ihres eigenen Versagens bekämpft, als sich mit deren Ursachen auseinanderzusetzen.

Ist es also überraschend, dass Menschen jede sich bietende Gelegenheit nutzen, so einen massiven Mangel an Freiheit zu beheben? Ist es so unverständlich, dass das Bedürfnis, seinen Unmut über all diese Ungerechtigkeiten zu bekunden, ungleich höher ist als die Frage nach der politischen Etikette?
Wenn ein Politiker nicht im Stande ist, sich solchen Fragen zu stellen und mit einem gesunden Urteilsvermögen ehrlich zu beantworten, so sollte er sein Amt unverzüglich räumen.

Die wachsende Kluft zwischen Regierenden und Regierten

Denn Chemnitz ist ein Beispiel für die wachsende Kluft zwischen Regierenden und Regierten geworden. Die Chemnitzer sind den viel gepredigten Aufrufen zur Solidarität gefolgt und zwar freiwillig. Doch nun wurden sie dafür gerügt, geschmäht und in einigen Fällen sogar gezüchtigt. Man könnte auch sagen, sie wurden in guter deutscher Tradition belehrt und getadelt. Sie wurden belehrt von einem medialen Apparat, der seinen ursprünglichen Bildungsauftrag scheinbar vor langer Zeit in ein Erziehungsprogramm umfunktioniert hat. Sie wurden getadelt von einer Regierung, die fortwährend gegen die Interessen des eigenen Volkes arbeitet.
So folgt die Erkenntnis, dass ein lautstarker Protest gegen Mord und Gewalt bei den Wortführern der Elite inzwischen mehr Empörung hervorruft als die schreckliche Tat selbst.

Schon Kurt Tucholsky schrieb vor rund 100 Jahren: „In Deutschland gilt derjenige, der auf Schmutz hinweist, als viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“

Chemnitz ist ein Beispiel dafür geworden, dass politischer Unvernunft mit Vernunft begegnet werden muss.
Wer diese Vernunft jedoch nur in den Parlamenten und Regierungsstuben zu suchen wagt, wird sie am Ende auf der Straße finden.

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