Ein Coronajahr

Gerade sitze ich in meinem Zimmer im gerade weniger schönen Sachsen. Eigentlich sollte ich in einem Büro in China sitzen.

So hatte ich mir mein letztes Studienjahr nämlich vorgestellt: Ab Februar bei einer Firma an der Ostküste mitarbeiten und gleichzeitig die Zeit im Ausland genießen. Die Planung für mein Praktikum war intensiv gewesen und hatte schon 2019 begonnen. Um überhaupt erst einmal von der Firma in Betracht gezogen zu werden hatte ich nicht nur Fach- sondern auch Sprachkenntnisse vorweisen müssen, die ich mir während meines Studiums in der Freizeit erarbeitet hatte. Das, so hatte ich mir gedacht, wäre dann ein fetziges Extra zu meinem Abschluss.

Als der Virus allerdings anfing in Wuhan zu wüten, machte ich mir große Sorgen. Ich wusste nicht, wie gefährlich das Ganze sein würde und checkte jeden Abend die aktuellen Zahlen der WHO. Ich glaubte zwar, dass das Ganze schnell vorbei sein würde – immerhin handelte es sich um ein Virus – und beließ auch die Flugbuchung vorerst wie sie war: Abflug im April. Bis dahin würde bestimmt alles vorbei sein! Und sowieso – anscheinend reagierte ich eh total übertrieben und das Virus ist viel weniger schlimm, als gedacht! Das sagten ja auch meine Freunde und Verwandten. Wie auch immer. So hatte ich wenigstens noch ein bisschen mehr Zeit, um mich ordentlich auf mein Praktikum vorzubereiten.

Aber es kam der erste Lockdown.

Und ich war begeistert! So viel Durchsetzungsvermögen hatte ich unserer Regierung bei unserer gespaltenen Gesellschaft gar nicht mehr zugetraut! Super, dann würde sich das Thema auf jeden Fall bis Sommer erledigt haben! Hoffentlich wollte mich mein Chef bis dahin noch.

Doch es folgte Maßnahme auf Maßnahme, und während ich immer mehr gegen die Versuche der Regierung Luft zu fangen protestierte, gelangten meine Freunde zu der Überzeugung, dass Corona eine wirkliche Gefahr für die Gesellschaft darstellte. Zu einer Zeit, in der ich mich eh schon am falschen Platz fühlte, setzte die Entfremdung von meinen Kumpels dem Ganzen noch das Krönchen auf. Schade eigentlich, wo es sich ohne Maske doch so viel klarer denken lässt. Wenigstens konnte ich nochmal umbuchen: auf Juni.

Und es kam der zweite Lockdown.

Mittlerweile hatte ich schon einen Nebenjob gefunden, um meinen Eltern nicht allzu schwer auf der Tasche zu liegen und das verlorene Geld wieder reinzuholen. Denn als Student hatte ich nur bis März Anspruch auf Bafög gehabt. Wenigstens regte ich mich jetzt nicht mehr so sehr über die aktuellen Coronazahlen auf. Was sollte ich auch machen? Über kurz oder lang MUSSTE sich doch durchsetzen, dass Corona keine große Gefahr war. Bis dahin war ich eh am besten beraten, wenn ich mich ein wenig vom politischen Sumpf entfernte und meinen Job machte. Wurde bestimmt alles wieder gut.

Aber es wurde eben nicht wieder gut und der Juni verstrich, ohne dass mein Flieger von Prag abgehoben hätte und ohne, dass eine der Mainstreammedien damit begonnen hätte ihre Sicht auf Corona neu zu definieren.

Der Name des Veröffentlichers ist uns bekannt (PDV)

Menü