Europa? Aber locker!

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Europa? Aber locker!

Wir Libertären haben es schwer, unsere Werte wie Eigenverantwortlichkeit und Unabhängigkeit zu erklären. Schnell stehen Vorwürfe des Egoismus, der Gefühlskälte oder sogar des Nationalismus im Raum. Statt einem echten Austauschen von Gedanken und Ideen, wie wir unser politisches System nachhaltig erneuern können, quälen wir uns im sinnlosen, ewig wiederkehrenden Austausch von Unterstellungen und Allgemeinplätzen.

Im Folgenden soll das Prinzip der losen Kopplung aus der Informatik vorgestellt und mit dem System “Europa” verglichen werden. Wir hoffen, die Leser so für eine neuen Sichtweise auf komplexe Systeme zu inspirieren. So könnte der gesamt Diskurs zweckdienlicher und freundlicher werden.

Das Prinzip der losen Kopplung

Die Kopplung ist in der Informatik ein Maß dafür, wie viele Abhängigkeiten es zwischen Systemkomponenten gibt. Diese Abhängigkeiten können auf viele Arten erfolgen zum Beispiel durch Teilen der gleichen Daten.

Gibt es viele Abhängigkeiten zwischen den Komponenten, spricht man von einer engen Kopplung. Dieses System-Design hat viele Nachteile, so sind Systeme zum Beispiel aufwendiger zu warten oder zu erweitern, weil mit jeder Änderung viele verschiedene Komponenten analysiert und angepasst werden müssen. Werden die Komponenten auch noch von verschiedenen Entwicklungsteams betreut, müssen viele Personen involviert werden, um ein Problem zu lösen oder einfache Funktionen zu erstellen.

In der modernen Software-Architektur wird für die meisten Anwendungen die lose Kopplung propagiert. Zwischen den einzelnen Komponenten sollte es klare, einfache Schnittstellen geben. Die einzelne Komponente sollte einen starken inhaltlichen Zusammenhang (Kohärenz) und eine klare Verantwortlichkeit haben.

Eine solche Architektur gilt mit als die Basis für eine nachhaltige Systementwicklung, indem viele Teams unabhängig voneinander ein System entwickeln können. Wenn ein Team nicht autark arbeiten kann, wird das in der Regel als negativ wahrgenommen. Man will sich nicht gegenseitig “auf den Füßen stehen” bei der notwendigen Zusammenarbeit.

Die folgenden Schaubilder sollen das Prinzip der Kopplung auf eine vereinfachte Art verdeutlichen. Die großen Formen sind die System-Komponenten, die kleinen bunten Formen sind ihre Bestandteile. Die Linien symbolisieren die verschiedenen Abhängigkeiten.

Dieses ist ein Beispiel für eine enge Kopplung. Zwischen den Komponenten gibt es viele Abhängigkeiten. Dazu kommt, dass es zwischen den Bestandteilen innerhalb einer Komponente keine hohe Zusammenhangskraft gibt.

 

Dieses Beispiel zeigt eine maximal lose Kopplung. Jede Komponente verfügt nur über eine einzige Schnittstelle nach außen. Die Bausteine innerhalb der Komponente sind über Linien verbunden und verfügen über eine hohe Zusammenhangskraft.

 

Es gibt natürlich auch Nachteile, die durch eine geringe Kopplung entstehen. So kann es zum Beispiel zur Laufzeit Performance-Nachteile geben, weil die Verantwortlichkeiten über das System verteilt sind und für einen Vorgang mehrere Komponenten aufgerufen werden. Dennoch: für viele Systeme führt eine lose Kopplung insgesamt zu einem nachhaltigen System und zu einer einfacheren Zusammenarbeit der Teams

 

Was hat die lose Kopplung mit der EU zu tun ?

Ein Staatenbund ist natürlich nicht das gleiche wie ein software-intensives System, aber auch hier gibt es viele Abhängigkeiten im Gefüge, die man auf ihre Funktionalität hin betrachten und bewerten kann.

Der Euro als gemeinsame Währung ist eine sehr starke Kopplung. Vor der Einführung des Euros, hatten die Ländern die Möglichkeit, ihre unterschiedliche Wirtschaftsleistung durch Ab- oder Aufwertung der eigenen Währung zu regulieren, um zum Beispiel ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die Wirtschaftsleistung ist zwar immer noch unterschiedlich, aber eine unabhängige Steuerung der Währung nicht mehr möglich. Bei der Steuerung der Geldmenge durch die EZB gilt nur ein Maß für alle. Das Ergebnis kann für einige Länder von Vorteil sein (günstige Kredite) und für ein andere katastrophal (Befeuerung der Immobilienblasen durch Entwertung des Geldes). Die Kopplung durch die Währung hat auch den Seiteneffekt, dass die schwache Wirtschaftsleistung eines Landes ein Währungsrisiko für die anderen Länder darstellt und unnötige, risikante Haftungsverpflichtungenen entstehen.

Auch gemeinsame Normen führen zu starken Abhängigkeiten. Für das eine Land mag das Einhalten eines bestimmten Grenzwertes eine schwer zu erreichende Hürde sein, für ein anderes geht damit sogar die Verschlechterung seines Standards einher. Nimmt man hier das Beispiel aus der Informatik mit der besseren Performance, führen gesetzliche Auflagen sicherlich zu einer schnelleren Integration, als wenn man dies dem freien Markt überließe. Die Opportunitätskosten einer schnellen Integration und großen Einheitlichkeit, können sich in hohen bürokratischen Lasten, finanziellen Aufwänden und qualitativen Einbußen für Bürger und Unternehmen führen. Je mehr Gesetze von einer zentralen Instanz gemacht werden, desto kleiner wird der gemeinsame Nenner für einen kompletten Kontinent. Länder oder Regionen vor Ort verlieren die Möglichkeit autark und schnell entscheiden zu können.

Unabhängig von dem politischen Lager, können wir politische Entscheidungen und Institutionen daran beurteilen, für welche Abhängigkeiten sie sorgen und ihre Vor- und Nachteile beurteilen.

Warum wir eine lose Kopplung wollen !

Als PDV erhoffen wir uns von einer lose gekoppelten EU ein nachhaltigeres, stabileres Europa. Es geht dabei eben nicht um Egoismus oder Nationalismus, sondern darum, den einzelnen Ländern so viel Freiraum wie möglich zu geben und die Zusammenarbeit einfach und funktional zu gestalten. Eine schnelle Integration auf den kleinsten gemeinsame Nenner stellt für viele Menschen, eine Verschlechterung dar und gefährdet unseren Frieden und Wohlstand mehr, als es diesen Werten dient.

Konkrete Beispiele für ein lockeres Europa finden sich in unserem EU-Wahlprogramm wieder:
Wir wollen die Abhängigkeiten durch undurchsichtige Transfergelder und Subventionen zwischen den Ländern verhindern.
Wir wollen die Kopplung durch die Anzahl der verschiedenen Gesetze und Normen reduzieren.
Wir wollen länderübergreifende Haftungsrisiken abschaffen.
Wir wollen die Macht der EZB einschränken.
Noch stärkere Kopplungen, z.B. durch ein gemeinsames, europäisches Sozialsystem wollen wir auf jeden Fall verhindern.

Insgesamt stehen wir für ein lockeres Europa, mit weniger Bürokratie und weniger Zentralmacht!

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